Geschichte >>> Eine außergewöhnliche Bodenheimer Kombi-Führung
Es war einer dieser Nachmittage, an denen man sich fragt, warum Menschen freiwillig eineinhalb Stunden bei Minusgraden draußen unterwegs sind – und die Antwort lautet: Weil es sich lohnt. Die Tourismus-Information der Ortsgemeinde Bodenheim hatte zu einer besonderen Kombination aus historischer Führung, Weinprobe und Lesung eingeladen. Und 17 Unerschrockene, darunter auch die Mainzer Autorin Sarah Beicht mit ihren Eltern, machten sich auf die frostige Reise durch ein düsteres Kapitel der Ortsgeschichte: die Hexenverfolgungen zwischen 1612 und 1615.
Gleich drei Gästeführerinnen – Luzia Maus, Monika Kiesch und Jutta Willmer – führten stilecht gewandet als gehobene Bauersfrauen der frühen Neuzeit durch ein Bodenheim, das vor 400 Jahren ein „Hotspot“ für Hexenprozesse war: Bei nur rund 300 Einwohnern wurden damals 32 Menschen angeklagt, 25 davon Frauen. Sie sollten verantwortlich sein für Missernten, Hunger, Seuchen und das rätselhafte Wetter – kurz: für alles, was der Mensch sich nicht erklären konnte. Auch der Weg der ersten in Bodenheim verbrannten Frau, der Kurpfälzer Leibeigenen Merg Scholl, wurde nachvollzogen. Einige der damals denunzierten Orte und Namen finden sich auch im Werk der Autorin wieder.
„Alle Achtung, wie Bodenheim diese unrühmliche Geschichte aufgearbeitet hat“, lobte später Sarah Beicht. Thematische Führungen, der stilechte Rathauskerker, das Mahnmal im Dolles-Park – der Ort vergesse seine Opfer nicht.
Zum Glück wartete nach dem historischen Schaudern die Aufwärmphase: Im stimmungsvollen Gewölbekeller des Bürgerhauses Dolles präsentierte Carolin Morina, Leiterin der Tourismus-Information und Initiatorin des Nachmittags, eine fein abgestimmte Weinprobe mit ausgesuchten Tropfen Bodenheimer Winzerinnen und Winzer. Weiß, Rosé, Rot, trocken bis feinherb, dazu Piwi-Sorten und alle prämiert. Ehrenamtliche Helferinnen reichten liebevoll arrangierte Käseplatten und füllten die Gläser ebenso schnell wie herzlich nach.
In dieser wohligen Atmosphäre begann die junge Mainzer Autorin ihre Lesung aus ihrem druckfrischen Sach- und Geschichtenband „Mainz Makaber“. Kerzenlicht, Gewölbe, ein Hauch von Gänsehaut – perfekter Rahmen für Beichts erzählerische Reise in die Abgründe der Region. Sie erzählte von ihrer früh erwachten Faszination für das Morbide – „Oma und Mombacher Waldfriedhof, das war mein Ding“ – und warum für sie Eichhörnchen weniger putzig, sondern eher „kleine Zombies“ sind. Ihr Einstieg mit einer in unheilvoller Tonlage spielenden „Heile-Gänschen“-Spieluhr trieb dem Publikum die ersten wohlig-gruseligen Schauer über den Rücken. Rotwein half.
Beicht schlug den Bogen von der Legende um den kopflosen Heiligen St. Alban – Schutzpatron von Mainz und Bodenheim gleichermaßen – bis zurück zu den lokalen Hexenschicksalen. Besonders berührend ihre Nacherzählung des Falls der „Hexe“ Merg Scholl sowie der Hinweis auf Elisabeth Metzler, die 1614 im Kerker verhungerte und der im Dolles-Park ein kleines Mahnmal gewidmet ist.
Unterstützt wurde die rundum gelungene Veranstaltung von Tourismus-Beigeordneter Heidi Veit-Gönner, die das Projekt mit auf den Weg gebracht hatte. Am Ende standen alle Zutaten eines perfekten Nachmittags: Ortsgeschichte, Kultur, Literatur, regionaler Genuss – und eine Gemeinde, die sich aktiv auch ihren dunkleren Kapiteln stellt. Ein eiskalter, aber gleichzeitig auch herzenswarmer Tag in Bodenheim – zum Gruseln schön.
Text: Sabine Longerich
Artikel verfasst: 04.12.2025